MAGIE IM THEATERRAUM

Bühnebild, stage design, Stoffe, ROYAL DISTRICT THEATRE

"Ich will der Räume der Phantasie nicht der Realität so wahrheitsgetreu wie nur möglich abbilden."

 

Im Zuge des Vortrags habe ich noch Mal viel darüber nachgedacht, was Bühnenbild für mich grundsätzlich bedeutet. Die Frage war nicht die, was mich an Theater angezogen hat und warum ich (auch als Bildende Künstlerin) mich dafür entschieden habe zum Theater zu gehen, sondern warum ich beim Theater geblieben bin.

 

Der Idealismus vergeht, wie allgemein bekannt, recht schnell, sobald man Kunst anfängt als Beruf auszuüben; die studentischen Ideale und Träume sind schnell dahin, wenn man anfängt im Theater zu arbeiten und den Theateralltag mitzuerleben, aber dennoch, trotz aller Ernüchterung und aller Enttäuschungen, trotz aller Grenzen, an die man stets kommt – bin ich seit 10 Jahren in diesem Beruf und fange immer wieder von Vorne an, sobald ich vor einem neuen Stück, vor einer neuen Arbeit, vor einer neuen Bühne stehe.

Die vorhin erwähnten Grenzen sind ein gutes Stichwort. Denn Theater und vor allem Bühnenbild besteht für mich, mit dem andauernden Kampf mit den Möglichkeiten, die recht beschränkt sind, mit den Mitteln, die immer knapp sind, mit den Grenzen, an die man immer wieder kommt. Und genau darin liegt aber auch die Herausforderung und die Freiheit, denn erst durch die Umwege, die man dadurch einschlagen muss, entsteht eine Freiheit, die unbegrenzt scheint und sie ist die Phantasie.

 

Erst mit dem Wissen, dass man nicht „alles“ „einfach so machen kann“, kann man „alles“ machen. Denn man ist gezwungen stets neue Übersetzungen, neue Bilder, neue Methoden, neue Formen zu suchen und das in einer Welt, die von Bildern erschlagen zu sein scheint. Permanent mit den Möglichkeiten des Theaters herum experimentieren, die Grenzen des Realisierbaren verschieben dorthin, wo man sich fragt, ob es im Theater noch möglich ist. Natürlich ist das Medium voller Gesetzte: optische, akustische, technische. Ich glaube daran, dass nur wer an bestimmten Gesetzten tätig zweifelt, sie nicht als gegeben und unüberwindbar betrachtet, der hilft dem Theater mit seinen vielfältigen Möglichkeiten als Illusionsmaschine.

Bühnenbild, Schwan, ein Karussellpferd, Schiff furchteinflößenden Wikinger-Drachenkopf, weit aufgerissenes Krokodilmaul, Schienenstücke einer Eisenbahn, Kette mit bunten Glühbirnchen, Wegweiser mit seltsamen Ortsangaben

   Wir sind im 21. Jahrhundert diesen medialen Bildern ausgeliefert, wir werden stets mit denen konfrontiert und von denen zugeschüttet. Beim ersten Schritt als Bühnenbildnerin besteht für mich die Herausforderung und die wichtigste Aufgabe genau darin, diese Bilder zu vergessen und alles Bekannte neu und anders zu denken.

Man kann nichts mehr Neues erfinden, ist stets das Credo der postmodernen Kunst. Ich glaube, dass Theater und in dem Fall das Bühnenbild genau dafür die Möglichkeiten bietet: Neues zu finden, in einer überfressenden, satten, sich selbst langweilenden und um sich selbst kreisenden Welt.

 

 

Bühnenbild, Schwan, ein Karussellpferd, Schiff furchteinflößenden Wikinger-Drachenkopf, weit aufgerissenes Krokodilmaul, Schienenstücke einer Eisenbahn, Kette mit bunten Glühbirnchen, Wegweiser mit seltsamen Ortsangaben

 Bilder sind die Magie, die die Gedanken, die Konflikte, die Spannungen, die Texte übertragen und in neue Dimensionen heben können und, wie in der Bildenden Kunst, besteht auch beim Bühnenbild die Aufgabe eines Bühnenbildners darin – alles Bekannte, alles Alte zu umgehen. 

Damit meine ich auf keinen Fall, das Rad komplett neu erfinden, der Zweck ist nicht, das Bühnenbild neu zu definieren, sondern die Konventionen der eigenen Kunst aufzubrechen. Manchmal besteht das Geheimnis genau darin – das Alte auf eine Neue, noch nicht gesehene Art zu präsentieren.

 

 

Aber als erste Frage, die ich mir bei jeder neuen Konzeption stelle – ist immer wieder die: wie vergesse ich alles, was ich je gesehen habe und sehe alles neu? Wie finde ich neue Mittel, um das Alte auszudrücken, wenn heutzutage alles auch immer schon dagewesen ist. Und heutzutage muss das Theater als Medium unermüdlich mit den neuen Medien konkurrieren: mit dem Fernseher, mit dem Kino, mit dem Internet und all diese Medien sind bildhafte Medien, die Informationen mittels Bilder darstellen. Anders als diese erwähnten Medien findet das Theater in der unmittelbaren Gegenwart statt, in dem jeweiligen Moment, im Hier und Jetzt. Das Theater bewegt sich irgendwo zwischen Kunst und Wirklichkeit und die Bühne ist ein Ort, zwischen Illusion, Konstruktion und realen Menschen. Die Bühne erfordert Anwesenheit und Gleichzeitigkeit, Sehen, Hören und aktives Handeln. 

 

Bühnenbild, Plastikfolien, Schlachtfeld, Krieg, Frauen, weibliche Täterschaft

   Theater besteht natürlich nicht nur aus Bildern, aber ich als Bühnenbildnerin denke visuell, bin stets auf der Suche nach denen, vor allem aber nach solchen, die mehr sind als visuelle Reize.

Das Fatale aber an diesem Bildverständnis ist, dass die meisten Menschen das Bühnenbild als eine Dekoration verstehen, dabei an Ornamentierung und Oberflächigkeit denken und es als eine Art Möblierung des Textes, verstehen. Die Bühnenbilder werden kaum reflektiert, sie werden übersehen. Meistens begnügen sich die Betrachter damit etwas „Wiederzuerkennen“, weniger damit sich die Bühnenelemente zu erschließen und sie zu genießen.

 

Die meisten begreifen meinen Job als eine Dienstleistung, die der Regie und dem Text unterstellt ist und sie unterstützt. Das mag in sofern stimmen, dass Bühnenbild kein autonomes Werk ist und nur in Zusammenarbeit mit anderen Elementen und Akteuren des Theaters Sinn hat, dass man im Theater einzeln sowieso nichts machen kann. Alle sind von einander abhängig und das ist auch gut so.

Bühnenbild, Plastikfolien, Schlachtfeld, Krieg, Frauen, weibliche Täterschaft

   Nie im Ganzen eine 1:1 Abbildung von einem Ort, Wenn ein Zimmer, dann ist es ein zitiertes Zimmer, das nie vollständig ist. Es ist dann der Aufriss oder die Idee eines Zimmers. Bereits Aristoteles behauptete, dass von einem Bühnenbildner ebenso wie vom Dramaturgen erwartete, das seine Komposition zwar glaubwürdig war, doch sie nicht unbedingt faktisch der Realität entsprechen musste. Damals musste der Künstler die wirklichen Proportionen und Farben verändern, damit der Zuschauer von seinem damals oft weit entferntem, bestimmten und begrenztem Blickpunkt aus das Gefühl hat, er säße vor einem Objekt, dass der Wirklichkeit täuschend ähnlich sieht. 

Haratischwili, Bühnenbild, Spiegel, Spiegelfolie, Liebe, Le petit maître

Man kann nicht eine Idee verfolgen, die Regie eine andere und der Schauspieler noch eine andere. Jeder muss mit den eigenen Mitteln am gleichen Strang ziehen. Aber ein grundsätzlicher Irrtum besteht darin, zu glauben, dass man das Stück bebildern sollte, das heißt vom Autor, vom Thema, angegebene Orte und Realitäten abzubilden. Für mich ist aber genau dies das Ende von jedem kreativen Prozess. 

Ich strebe nie ein ordentliches Bühnenbild im Sinne von einer Abbildung an, also keine Abbildung irgendeiner Realität. Es ist immer ein künstlicher Raum, in diesem Kunstraum gibt es lediglich Zitate von der Realität.

Haratischwili, Bühnenbild, Kostüme, Spiegel, Spiegelfolie, Liebe, Ehe, Le petit maître

 Ich behaupte das ein Stück in einem Gefängnis spielen kann und die Bühne kann dabei einen unendlichen, geräumigen, nicht eingegrenzten Raum darstellen; denn das worauf es für mich ankommt, ist, die Aussage. Das was man erzählen will, einfach gesagt die Interpretation. Das Bühnenbild steht in der Spannung zwischen Bild und Text, unterliegt auch nicht den Gesetzten der Wirklichkeit, sondern der jeweiligen, meist literarischen, fiktiven Setzung. Innerhalb diese Spannung entwickelt es seine Eigenheiten: anders zu sein als die Aussagen des Textes, als die Bedeutung der Vorgänge. 

Bühnenbild, Kostüme, Zirkuswelt, Luftballons
Photo @ David Pörtner

Beim Zusammenkommen der verschiedenen Sichten – ob Regie, Schauspiel oder Bühne – zu einem gemeinsamen Punkt, zu der Einigung, was man will, dass am Ende die Zuschauer sehen – kann ein kreativer Prozess und somit auch etwas Neues entstehen.

Die vielfach gesehenen Bebilderungen einer Realität sind immer ein Trugschluss für mich. Denn man kann auf der Bühne nichts nachbilden, man muss stets alles aufs Neue erschaffen. Ich glaube an die Ignoranz gegenüber der nicht selten an das Theater gestellten Forderung, die Welt als wiedererkennbare darzustellen. Theater ist vielmehr eine „Vorstellung“ von etwas, was vorstellbar ist.

 

Die Bühne bildet, wenn überhaupt, eher den Zustand der Welt ab. Das Sich-Wieder-Erkennen vollzieht sich auf einer emotionalen Ebene. Der Zauber eines guten Theaterabends ist genau die Phantasie, die man beim Zuschauer freisetzt und die man anstachelt. Denn nur in der Wechselwirkung mit der Phantasie des Zuschauers kann Theater funktionieren.

Bühnenbild, Kostüme, Zirkuswelt, Luftballons, Clowns
Bühnebild und Kostüme für „Ich bin der Welt abhanden gekommen“, 2011, Festival junger Künstler Bayreuth, Photo @ Markus Spona

Alles abbilden zu wollen – ist unmöglich und wäre auch langweilig. Es ist immer ein Geheimnis, den ich den Interpretationsfreiraum nenne, erforderlich, damit die Magie auf der Bühne entstehen kann. Es ist das eigentliche Geheimnis, glaube ich, diesen Punkt zu finden, wo es nicht fertig ist, wo der Zuschauer das fertig machen muss.

Wir sehen ja auch das was wir sehen wollen oder sehen können. „Der Raum, der ich selbst bin.“ Gaston Bachelard spricht in seinem Buch „Poetik des Raumes“ davon. Dass wir Kopfräume und Innenwelten sehen, dass die Bühne unser Unbewusstes bebildert. Mit unserer Einbildungskraft erfassen wir ein Raum, der keiner sei, den wir auch nicht mit technischen Hilfsmitteln ermessen können, sondern den wir erleben. Eine Sicht, die so sein könnte, aber auch anders. 

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Bühnebild und Kostüme für „Ich bin der Welt abhanden gekommen“, 2011, Festival junger Künstler Bayreuth, Photo @ Dorit Voigt

Abhängig davon, wer, mit welchen Erfahrungen, mit welchem Leben, mit welchem Charakter und mit welchen Träumen – den Theaterabend sieht und gestaltet.

Mir widerstrebt es den Text nur zu illustrieren, brav die Regieanweisungen des Autors zu bebildern und die Regie mit einem rein funktionalen Bühnenbild zu beliefern, dass als reibungslose Spielfläche fungiert und mehr handwerklich als künstlerisch das Erwartete ausführt. Es gibt diese praktische Räume die nur funktionalen Zweck erfüllen und Räume, die einen zum Träumen einladen, die Sicht frei machen, die Möglichkeiten real werden lassen, die man niemals für real gehalten hätte. 

Bühnenbild, Bücher, Badewanne
Bühnenbild für "Ich, Du, Marina", 2012, Lichthof Theater Hamburg

Phantome - Bilder ohne Dauer 

Wenn wir in die Geschichte vom Theater und Bühnenraum zurückblicken stoßen wir auf die provisorische Bühnen auf die wie Shakespeare sie nannte "Bretter die die Welt bedeuten".Ursprünglich verstand man unter Bühnenbildgestaltung eine gemalte Hintergrundkulisse einer Theaterbühne, großformatige Bilder, die auf den Bühnenhinter- grund aufgemalt sind. Die traditionellen Bühnen bestanden aus grob gehobelten Dielen, die auf einfachen Böcken genagelt waren. Auf diesen Podien wurde mit sehr bescheidenen Requisiten - ein paar aufgespannten Leinentüchern und einigen simplen Holzkonstruktionen-eine Bühne aufgebaut.

 

Doch bereits diese bescheidenen, kargen Bühnen waren geschützte und begehbareren Räume mit sichtbaren und klar abgesteckten Grenzen, kleine Mikrokosmen, in dem der Mensch leben, fühlen und sich ausdrücken konnte, Orte der Intimität wo alles sich befindende Bedeutungsaufgeladen war.

Solche Bühnen waren nie für die Ewigkeit, sondern nur für kurze Zeit gebaut, sie waren Provisorien, vergängliche Werke, die nur für die Dauer einer Aufführung bestanden. Räume mit ihren eigenen Regeln, die von Schauspielern entdeckt und erforscht wurden, wo verschiedene Verhaltensregeln erfunden und ausprobierten wurden.

Das ist das was mich am Theater auch in unserer Zeit beindruckt dieser Charme und die Kraft des Zerbrechlichen und Vergänglichen, wie ein Parfum, eine Farbe oder eine nur flüchtig mit dem Auge erfasste Gestalt. „Theater ist die Kunst der flüchtigen Eindrücke" wie Platon erklärte, eine Kunst, mit einer beleuchteten Bühne, wo die Zuschauer im Dunkeln sitzen, eine Kunst die im Verborgenem stattfindet. Der Zauber der diesem Ereignis beiwohnt, erlischt sobald das Licht im Zuschauerraum angeht. 

Bühnenbild, Bücher, Badewanne
Bühnenbild für "Ich, Du, Marina", 2012, Lichthof Theater Hamburg

Fragen der Ästhetik 

Die großen gemalten Bühnenbilder wollten nichts anderes zum Ziel, als zu verführen und den Blick des Publikums auf sich ziehen, seine Augen mit blendenden Szenen berauschen und etwas bieten, dass das Auge erfreut.

 

Heute gerät das Bühnenbild in eine Zwickmühle zwischen dem „altem Theaterraum“ mit Portal und Rampe und den Ansprüchen eines entwickelten Raumverständnissen, das sich weigert, wie Heiner Müller es ausdrückte, „die Wirklichkeit in eine Kiste zu packen“. 

 

 

Muss ein Bühnenbild, das die Welt nicht mehr reproduziert, sondern sie interpretiert, auch „schön“ sein? Was verstehen wir jeweils unter dem Begriff von Schönheit, wenn wir es auf ein Bühnenbild anwenden? Wieviel Hässlichkeit verträgt ein künstlicher Raum, darf es nerven oder ein kleines Stück Abenteuer sein, wenn man als Darsteller sich zunächst in der neuen Umgebung zurecht finden muss? Ob es unverschämt seien darf, unbequem, die Bewegungen der Darsteller behindern darf, sie verzerren, ungelenkig und kindisch erscheinen lassen? Ob Materialien und Elemente auf der Bühne die Menschen einander undeutlich machen dürfen, ob sie die Handlungen und Bewegungen beherrschen dürfen, ein Eigenleben entwickeln und zu einer Herausforderung für die Zuschauer und Darsteller wachsen und vergehen dürfen und sich bei alldem sich weigern dürfen zu gefallen. 

Mich interessiert ein Bühnenraum der eine eigene Welt mit ihren eigenen Gesetzen in sich birgt. Nicht im Hintergrund sichtbar, sondern ein greifbarer, physischer Raum, der wie auch immer angefüllt werden muss, dem es erlaubt ist, seine eigene konkrete Sprache zu sprechen, das dazu beiträgt den Text anders wahrzunehmen, ihn zu erweitern oder auch zu verengen, das Gelesene in eine innere Vorstellung übertragen. 

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Bühnenbild für "Liv Stein", 2011, ROYAL DISTRICT THEATRE, Tbilisi, Georgia

Ich glaube nicht daran, dass ein Bühnenbild immer bloß schön seien muss, es kann auch auf der ersten Blick abschreckend wirken. Erst zusammen mit dem Kontext in dem er sich zu bewähren hat, im Dialog mit den Darstellern und anderen Künsten, entfaltet er seine ganze Wirkung  und erfährt seine Vollendung.

Ich habe für ein Stück, dass sich in zwei normalen Wohnungen abspielt, stellvertretend eine Müllhalde aus klar erkennbaren Elementen entworfen, wie z.b. kaputten Stühlen, ausrangierte Einrichtungsgegenständen, gefüllten Müllsäcken, alten Kuscheltieren, sonderbaren Dingen, Kabeln, Konservendosen.

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Bühnenbild für "Liv Stein", 2011, ROYAL DISTRICT THEATRE, Tbilisi, Georgia

Die Elemente sollten mit dem Leben der Figuren in Beziehung stehen, mit ihren unerfüllten Träumen und Wünschen, Überreste der Liebe, ihre Abfälle sein. Die Müllhalde stellte ein Geheimnis dar, dadurch dass es ein undurchdringliches Dickicht für alle war. Und so wie die Geschichten der Figuren miteinander irgend- wie verwoben schienen, verbindet sie auch der Raum auf morbide Art miteinander. Natürlich habe ich nichts gegen das Schöne an sich auf der Bühne, wenn ich z.B. wie bei unserem gemeinsamen Projekt hier in Tbilisi am Royal Theater, für „Liv Stein“ ein Raum gestalte, das im Wesentlichen nur aus 48 transparenten Stoff-bahnen, in pastellfarben Tönen besteht und ansonsten mit Einsatz von Licht und der Bewegung der Darsteller zum Leben erweckt wird, ergibt es zunächst eine wunderschöne Szenerie.

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Bühnenbild für "Liv Stein", 2011, ROYAL DISTRICT THEATRE, Tbilisi, Georgia

Doch auch diese zarte, hauchdünne Welt wird im Zuge der Handlung von den Figuren auf der Bühne zerstört und abgerissen. Der Zuschauer blickt auf die kalte, graue Steinmauer des Theatergebäudes und das tragisch, schöne Ende einer Geschichte. Meine Motivation ist der Inhalt des Textes, ist die Handlung zwischen den Figuren, ich versuche das Klima das da herrscht abzubilden und gehe frei mit den Hinweisen der Autorin auf den Raum um, in dem ich meine Werktreue über die Ernsthaftigkeit mit der ich mich dem Text nähere, definiere. Ob es für den Zuschauer dann zu einem Genuss oder einer Herausforderung wird, ist eine Frage der Sicht.

Bühnenbild, Orangen, Italien, Goethe, Kostüme
Bühnenbild für “Torquato Tasso”, 2011, Deutsches Theater Göttingen, Photo @ Thomas Müller

Handschrift 

Immer wieder gibt es im heutigen Theater die Diskussion um Handschriften. Wie weit ein Künstler in dem Fall ein Bühnenbildner stets Räume kreieren sollte, die einen „Wiedererkennungswert“ haben bzw. typisch für ihn sind. Vom seinem Wesen her ist die Arbeit eines Bühnenbildners, vergänglich und in einer Zeit, in der jede Produktion eines Schauspiels oder einer Oper ziemlich anders ausfällt und ein anderes Gefühl vermittelt, schafft das Bühnenbild etwas Unverwechselbares. Die Frage ist:  Leidet nicht der Gesamteindruck bei einer Kunstform, die auf Teamarbeit basiert, wenn ein Element zu mächtig wird? 

Bühnenbild, Orangen, Italien, Goethe, Kostüme
Bühnenbild für “Torquato Tasso”, 2011, Deutsches Theater Göttingen, Photo @ Thomas Müller

 Im neunzehnten Jahrhundert war gängige Praxis das jeweilige Bühnenbild aus vorhandenen Szenerien zusammenzustellen, die stückspezifischen Ausstattungen waren damals gänzlich unbekannt. Heute führt eine Wiedererkennbare Handschrift zum Erfolg und ein einziges Bühnenbild – in mehrfachen Variationen – kann dir als Künstler, unter Umständen, den Weg ebnen. Aber ich weiß nicht, ob das die Hauptaufgabe eines Bühnenbildners sein sollte – die eigene, wiederholbare Ästhetik jedem Stück aufzustempeln.

Bühnenbild, Orangen, Italien, Goethe, Kostüme
Bühnenbild für “Torquato Tasso”, 2011, Deutsches Theater Göttingen, Photo @ Thomas Müller

Es ist durchaus eine zwiespältige Sache und eine lange Diskussion, doch ich sehe dabei die Gefahr, dass man sich wiederholt, dass ein Bühnenbild nicht mehr individuell und ausschließlich für eine bestimmte Sicht, eine bestimmte Inszenierung geschaffen wird, sondern dass die Idee dahinter seriell reproduzierbar gemacht wird und  nur eine weitere Variation des Selben wird, weg von Stückspezifischen, Einmaligen und Unverwechselbaren. 

Damit liefert man auch dem Publikum indirekt das von ihm Erwartete bzw. das Erfolgsversprechende. Es droht eine gewisse Stagnation in der eigenen Ästhetik und Selbstverliebtheit. 

 

Mich persönlich fasziniert die Wandlungsfähigkeit z.b. von einem Schauspieler, die Magie hinter der Kunst der Verwandlung. Als Bühnenbildnerin will ich  die Menschen an immer neue Orte entführen, sie überraschen. Sei es das alte und bewährte Format des Guckkastens, der mich immer wieder vor die große Herausforderung stellt oder das Erobern neuer Spielstätten und überwinden der tradierten Theaterformen. Vielleicht kann die wiedererkennbare Handschrift auch darin liegen, als die für Räume steht, die in Erinnerung bleiben.

 

(Aus dem Vortrag zum Theaterworkshop: „Modern Stage Design or Art on Stage“ in Tiflis, Georgien, 2012)