julia b. Nowikowa

  wurde 1975 in St.Petersburg, Russland geboren, studierte Malerei, Dramaturgie, Kostüm- und Bühnenbild an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. 

 

Seit 2005 ist sie freiberuflich als bildende Künstlerin, Illustratorin sowie Bühnen- und Kostümbildnerin für Oper, Musical, Schauspiel und Tanztheater tätig. 

 

Sie arbeitet u.a. am Hessischem Landestheater Marburg, am Theater Freiburg, am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken, am Tumanishvili Theatre und am Royal District Theatre in Tiflis (Georgien), für Festival junger Künstler Bayreuth, am Deutschem Theater in Göttingen, am Deutschem Nationaltheater und die Staatskapelle Weimar, auf Kampnagel und an der Elbphilharmonie in Hamburg.

Gedanke zu Heimat, Kunst....

Sankt-Petersburg, Russland, Russia, Fluss

   Im Jahr 2012 fuhr ich das erste Mal nach 21 Jahren nach St. Peterburg, Russland und somit meine Geburtsstadt, die ich in den wirren 90 Jahren mit meiner Familie verlassen habe.

In all den Jahren assoziierte ich dieses Land mit Unterdrückung, Kriminalität, willkürlicher Machtausübung und mit Dingen, die ich mit keinerlei Werten von mir vereinbaren konnte. 

 

Trotz der jahrelanger Mühe meiner Familie mich an die russische Kultur und Sprache zu binden, schaffte ich es immer wieder ihr zu entkommen.

 

Sicherlich gab es irgendwo in meinem Unterbewusstsein einen Ort, wo ich etwas vermisste, etwas fürchtete und sicherlich gab es immer wieder Momente in meinem Leben in Deutschland wo ich die unüberbrückbare Fremde zu anderen Menschen, zu bestimmten Traditionen und Bräuchen spürte, trotz der anscheinend gut gelungenen und allerseits geförderten Integration.

Aquarell, Zeichnung, Pferd

   Die ersten Tage, in der Stadt meiner Kindheit, fühlte ich mich, obwohl ich keine Verständigungsschwierigkeiten hatte, wie eine Touristin. Ich war auch dort, wie konnte es denn auch anders sein, fremd. Aber auf einmal, auf einem meiner Spaziertouren überquerte ich die berühmte Anitschkow-Brücke und blieb vor den Pferdeskulpturen stehen. Etwas zutiefst Warmes und Vertrautes empfand ich angesichts dieser Pferde.

 

Tage später noch beschäftigten mich diese Skulpturen und ich fing kurz daraufhin an, sie zu zeichnen. In verschiedensten Ausführungen, Positionen, Stilen. Ich wunderte mich schon, was mich an diesen – an sich recht klassischen – Pferdestatuen so beeindruckt hatte, bis ich dann feststellte, dass es gar nicht um die Pferde ging, sondern um die Kindheit und alles Gute, was ich mit ihr verband. 

 

Es ging um die Erinnerung an etwas Ursprüngliches, an etwas was ich längst verdrängt, verloren und nun wiederentdeckt habe. Es hat etwas in mir ans Licht gebracht, was ich als Grundlage für ein Schaffensprozess nehmen will, für das schöpferische, für das Erforschen und Artikulieren von tiefsten Emotionen aus meiner Kindheit und Jugend und für die Suche nach Antworten auf bestimmte Fragen.

Neue Eremitage, Atlanten, Eingang

   Da ich jemand bin, die bisher in ihrer Arbeit viele, verschiedene gesellschaftliche, politische oder allgemeinmenschliche Themen und Inhalte als Sprungbretter nahm, mir aneignete und nutzte um zu einem, meinem, sehr persönlichen Kern vorzudringen,  -den man vielleicht auch als eine Art Wahrheit nennen kann – denke ich, dass diese Pferde diesmal auch das Thema sind, womit ich beginnen und fortsetzen möchte.  

 

Diese Pferde, die ich vielleicht „Die Pferde aus/der Verdrängung/ Pferde in die Erinnerung“ nennen würde, beinhalten für mich folgende Inhalte: die Frage nach dem Ursprung, die Frage nach der Identifikation, nach Verdrängungsmustern und nach der Möglichkeit als Individuum aus den kollektiven Zwängen hinaus zu brechen und der eigener, vorbelasteter Kultur neu und frei zu begegnen. In dem Fall einer Kultur, die man ablehnt, vielleicht sogar eine Chance zu geben.

Pferd, horse, Zeichnung

   In unserer Welt ist das Thema von clashes of cultures, die Unmöglichkeit Verschiedenes zu einem friedvollen Ganzen zusammen zu führen, sehr aktuell. Allein mit der vorgeschriebenen Integration ist es nicht getan, denn die Integration heißt – das Eigene in das Fremde einzubringen und somit ein Teil des Ganzen werden, was in meinem Fall all die Jahre, offensichtlich und funktional der Fall war. Aber es geht dabei um die emotionalen Seiten, die oftmals in diesen Fällen nicht bedacht werden und die genauso oftmals zu einer nur „vordergründigen“ und kurzweiligen Lösung führen. 

Pferd, horse, Zeichnung

   Was heißt das Eigene im Fremden und das Fremde im Eigenen? Wie viel aus der eigenen Kultur darf ich mir aussuchen und mitnehmen und wie viel abstreifen, ohne, dass ich dabei die eigene Identität verliere? Und kann man diesen Prozess überhaupt bewusst gestalten und bestimmen? Diesen Fragen versuche ich mich zu stellen, dabei das Zeichnen und Malen als Mittel nutzend, um die Antworten darauf zu finden. 

 

Die Moderne Kunst bedeutet, dass man stets neue Formen und Ausdrucksweisen sucht, um sich selbst, die Welt, das Leben mitsamt allen Problemen darzustellen (nach Louise Bourgeois). Und oftmals entsteht sie aus dem eigenen Scheitern und dem Scheitern an der Welt. In dem Fall war das Scheitern, mein Scheitern an meiner, eigenen Vergangenheit und der Überforderung sie mit meiner Gegenwart zu versöhnen und zu vereinen.

 

Und die Kunst kann aber, auch ein Versuch sein, mit ebendieser Vergangenheit zu leben, sie hinzunehmen, sie zu prüfen, ans Tageslicht zu holen, sie nicht mehr zu verdrängen und sie dann z.B in ein Bildziklus verwandeln.

atelier: Hoheluftchaussee 139, 20253 Hamburg, julia.b.nowikowa@gmail.com